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Der Theokrat und der Suppenlöffel
m das 18. Jahrhundert war auch ein gewisser Nikolaus Andreas Buck allgemein bekannt, der in den Zeitungen Aufrufe drucken ließ, um die Leute zum rechten Glauben zu bekehren, unterzeichnet mit "N.A. Buck, Theokrat". In seiner Theokratie, wie er sein Haus am Valentinskamp 144 nannte, hatte er sich einen großen Betsaal mit Kanzel herrichten lassen. | ||
Dort hielt er alltäglich seine Predigten. Da es aber an Zuhörern mangelte, mußte ihm sein "Küster", der frühere Schuster Sanftleben, im Volksmund "Suppenlöffel" genannt, große Gipsfiguren auf die Bänke stellen und mit aufgeschlagenen Gesangsbüchern versehen. Buck war sehr wohlhabend, machte sich aber durch seinen unglaublichen Geiz sowie große Härte gegen die kleinen Leute, die auf seinen Grundstücken wohnten, sehr verhaßt. Weil er sich selbst die allernötigsten Lebensmittel nicht gönnte, brachte man ihn letztlich in die Irrenabteilung eines Krankenhauses, wo er 1828 verstarb. Da sein Nachlaß 300.000 Mark Banko betrug, wurde er mit großem Pomp bestattet, aber der Leiche folgte eine unglaubliche Menschenmenge, die dem verhaßten Manne unter Hohngeschrei und Pfeifen das Geleit gab. Der genannte Schuster "Suppenlöffel" blieb weiterhin eine volkstümliche Persönlichkeit. Besonders glänzte er zur Fastnachtszeit, wenn er als Unterfeldherr seine militärischen Talente bewies. Zusammen mit einem Kutscher Bernadottes, der noch von der Franzosenzeit in Hamburg zurückgeblieben war und immer der ruhmvollen Taten seines einstigen Herrn gedachte, sammelte er am Hafen aus Gelegenheitsarbeitern ein stehendes Heer. Nachdem die "Krieger" von Spaßvögel wie z.B. dem Ewerführer Bock mit geistigen Getränken gestärkt und mit Knüppeln bewaffnet waren, führten sie zum Ergötzen der Zuschauer, welche alle Fenster der umliegenden Häuser besetzt hatten, unter lautem Kommandoruf der "Feldherren" und ungeheurem Kriegsgeschrei ihre Scheingefechte auf. Dieses Kriegsspiel wiederholte sich mehrere Jahre hintereinander und lockte eine immer größere Zuschauermenge herbei. Die Sache fand ein Ende, als die ganze Bande eines Fastnachts von lustigen Kapitänen in Maskeraden-Anzüge gesteckt wurde und nach beendigter "Schlacht" in einem langen Zuge, unter lautem Siegesgeschrei, mit einem Fiedler als Regimentsmusikanten vorne weg, auf die Torwache am Baumhaus los marschierte. Die Stadtsoldaten mußten energisch einschreiten und das Kriegsspiel wurde untersagt. Über Zwerge soll man sich nicht lustig machen
Drei zwergenhafte Gestalten waren ebenfalls täglich in den Straßen anzutreffen. Als erstes ist ein verkrüppelter Kalenderverkäufer zu nennen, der "schiefe Nestik". Er bewegte sich auf Krücken vorwärts und mußte als ein großer Trunkenbold oft aus dem Rinnstein aufgelesen werden.Zur Fastnachtszeit fand in einem sehr vornehmen Hause in Hamburg eine private Maskerade statt und es erschien ein maskierter Mann, der den kleinen Kalenderverkäufer aufs täuschendste nachzuahmen wußte. Alles bewunderte die so überaus gelungene Kopie und war neugierig, die Persönlichkeit kennenzulernen, die stundenlang einen Krüppel zu spielen verstand. Endlich war um Mitternacht Demaskierung und es fiel die Maske ..... und vor den vornehmen Herrschaften stand der schiefe Nestik ist höchst eigener Person. Irgendein Spaßvogel hatte ihn mit einer Maske versehen und dort eingeschleust und Nestik hatte sich an den köstlichen schweren Weinen am Büffett schadlos gehalten... Der zweite Zwerg war ein Tabuletkrämer, der mit seinem Bauchladen oft am Hafen anzutreffen war, man nannte ihn den "kleinen Hummel". Die Kapitäne machten sich gerne den derben Scherz, nachdem sie ihm ein paar Sachen abgekauft hatten, ihm mit der Faust den Hut platt zu schlagen. Das sollte einem von ihnen aber schlecht bekommen, der auch einen Tages seine Faust auf den Hut fallen ließ und darauf ein großes Wehgeschrei ausstieß. Der schlaue kleine Bursche hatte nämlich diesmal seinen Hut von innen mit zahlreichen Stecknadeln gespickt! Fortan ließ man ihn und seinen Hut in Ruhe. Die dritte Person war eine kleine Frau, Anna Federsen mit Namen. Bis in ihr 82. Lebensjahr saß sie, reinlich gekleidet mit einer großen weißen Mütze auf dem Kopf und einem sauberen Taschentuch in der Hand, an der Ecke Neuer Jungfernstieg / Esplanade, und nahm die ihr gereichten Almosen in Empfang. Nebenher war sie ein weiblicher Postillon d'amour und wußte die ihr zur Besorgung übergebenen Liebesbriefe sehr gewissenhaft und schlau den betreffenden Personen in die Hände zu spielen. Musikalische Prophezeiung
Zu dieser Zeit zog auch ein Sänger Christian durch Hamburg. Sein Lied "Hamburg nach hundert Jahren" war sehr beliebt.
(weitere Geschichten werden folgen !) © 2003 Peter Dörling, Norderstedt Nacherzählt aus dem Buch "Das lustige alte Hamburg / Scherze, Sitten und Gebräuche unserer Väter". Gesammelt 1889 von Dr. Albert Borcherdt, Hamburg ( + 1908) / Verlag F. Dörling, Hamburg ; 1.Auflage 1890 ; 6.Auflage 1912 | |||